Armenien – Jenseits von Stalin und Putin

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„Seit zwei Monaten sind sehr viele Russen in Armenien, die hier im IT-Bereich arbeiten wie zu Hause oder in der Ukraine. Doch in Jerewan gibt’s Netflix und Facebook, und die russischen Banken hier sind zahlungsfähig“, sagt Piotr, der Mitte März aus Kiew eingereist ist und auch bleiben will, wenn er kein Visum für die USA erhält: Zumindest ein „NY“-Käppchen hat der junge Student schon.

Russische und ukrainische Staatsbürger haben unbegrenzte Aufenthaltsdauer in Armenien und kommen in Scharen, aus unterschiedlichen Gründen – Flucht vor Sanktionen und Krieg und politischer Repression, oder alles zusammen. Im Nachbarland Georgien waren es Zigtausende in wenigen Wochen, was zu ersten heftigen Protesten in Tiflis führte: „Niemand weiß, ob Putin nicht auch die Rechte von immer mehr Russen im Kaukasus als Vorwand für eine Invasion heranzieht“, macht Piotr kein Hehl aus der Brisanz der Lage. Dass Moskau den Kaukasus lange als Reservoir für Billigarbeitskräfte aus der Peripherie belächelt oder Angst vor potentiellen Terrorgruppen geschürt hat, macht die Luft noch dicker.

Martialische Grabsteine auf einem Friedhof neben dem Kloster Khor Virap.
– © SpreitzhoferDas heutige Armenien, früher vom Mittelmeer bis zum Kaspischen Meer reichend, hat nur einen Bruchteil seiner historischen Größe und ist gerade so groß wie Niederösterreich und Oberösterreich zusammen. Selbst der mächtige Berg Ararat, Nationalsymbol und ganzjährig schneebedeckter Kegelvulkan von über 5.160 Metern, liegt heute jenseits der Landesgrenzen, nur wenige Kilometer auf türkischer Seite. Gerade noch herüben, neben dem Kloster Khor Virap, findet sich ein gewaltiger Friedhof, mit martialischen Grabsteinen voller eingravierter Bilder von verwegenen Kämpfern mit Patronengurt und Schnellfeuergewehr.

Marillen und Cognac
Davor ein paar klapprige Marschrutkas, wie die Sammeltaxis hier heißen, und etliche weiße Ladas zwischen sehr vielen Kühen am Rand der Steppe. Kein Mensch, nur ein paar Gänse am Straßenrand. Und eine oberirdische Gasleitung auf Stelzen, die sich zwischen und über die Häuschen spannt, vor denen die rostigen Relikte von Kolchosenbaggern neben Gemüsebeeten verrotten: Die Kluft zwischen der Hauptstadt Jerewan, wo rund die Hälfte der Bevölkerung wohnt, und dem Rest des gebirgigen Landes könnte kaum größer sein.

Ladas und Kühe prägen das ländliche Armenien.
– © SpreitzhoferDort gibt es das Kino Moskva und die „Mutter Armenien“ im Haghtanak-Park hoch über der Stadt, eine 23 Meter hohe Frauenstatue mit Schwert und bösem Blick Richtung Türkei, die am Sockel von musealen Panzern und Raketenwerfern aufragt. Sie hat Stalin ersetzt, dessen Kolossalstatue beim Abbau zwei Menschen erschlagen hat, wie sich Irina erinnert, die hier Eis verkauft – vorwiegend Marilleneis, kein Wunder in der Marillenmetropole des Kaukasus. Der Rummelplatz daneben füllt sich abends meist nur zögerlich, doch die Raketenringelspiele erfreuen sich spätestens dann großer Beliebtheit, wenn die Geisterbahn wieder einmal steckenbleibt.
Die Ararat-Cognac-Werke, in einem rotbrauen Tuffsteingebäude von enormen Ausmaßen untergebracht, gehören längst der französischen Firmengruppe Pernod Ricard: Anekdoten zufolge hat Stalin Winston Churchill jährlich 365 Flaschen nach London geschickt. Der frühere Lenin-Platz heißt heute Platz der Republik, und die Aram-Khachaturian-Konzerthalle ist fast täglich ausverkauft, mit reichlich Stau aus wuchtigen SUVs sämtlicher deutscher Automarken und ein paar Rolls Royce mit russischen Kennzeichen. Ladas gibt es keine. Dafür Rot-Blau-Licht der Einsatzwägen rund um die Uhr, alle paar hundert Meter, und Hundertschaften von Uniformierten, die in Parks sitzen und auf ihren Handys spielen, bis irgendetwas passiert. Vielleicht.

Die Polizei zeigt Präsenz in Jerewan.
– © SpreitzhoferDie Polizei zeigt Präsenz in Jerewan, zu unvorhersehbar erscheinen die aktuellen Entwicklungen: Seit 2018, nach dem Übergang von einem semipräsidentiellen zu einem parlamentarischen Regierungssystem, sind die Befugnisse des Staatspräsidenten zugunsten des Ministerpräsidenten beschnitten. Die „samtene Revolution“ machte Nikol Paschinjan, den Anführer des Oppositionsbündnisses Jelk, zum neuen Ministerpräsidenten des Landes, nachdem Langzeit-Staatschef Serge Sargsjan aus dem Amt gedrängt wurde.
Doch Paschinjans Politik ist nicht unumstritten: Seit Anfang Mai kam es zu hunderten Festnahmen von Demonstranten, die sich gegen den monierten Ausverkauf auf Raten von Arzach (bis 2017: Berg-Karabach, = Nagorny-Karabach; „gebirgiger schwarzer Garten“) wendeten. Ein Friedensabkommen im April, das unter Vermittlung der Europäischen Union stattfand, sollte weite Gebiete des vorwiegend armenisch besiedelten Arzach – ein international nicht anerkannter De-facto-Staat – offiziell an Aserbaidschan übergeben, das 2020 in einem 44-tägigen Invasionskrieg die regionalen Grenzen neu definiert hat. Putin initiierte damals ein Waffenstillstandsabkommen, doch 2.000 russische Soldaten sind nach wie vor zur Friedenssicherung in der umkämpften Region – wie lange noch, bleibt ebenso strittig wie die mögliche Legitimierung eines Landgewinnes durch militärische Aggression.

Minimaler Spielraum
„Dunkle und kalte Jahre“, so wurde die unmittelbare Zeit nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik 1991 bezeichnet. Quasi alle Industrien des Landes waren von Rohstofflieferungen aus Russland abhängig. Das ist bis heute so geblieben: Die gesamte Öl- und Gasversorgung Armeniens ist von Moskaus Gnaden abhängig, auch der Kernbrennstoff für das einzige Atomkraftwerk des Landes in Mezamor stammt aus Russland. Dieses sichert 40 Prozent des heimischen Energiebedarfs. Kein Wunder, dass Armenien im Europarat gegen die Suspendierung Russlands gestimmt hat, sind doch russische Truppen seit Jahrzehnten die Überlebensgarantie im Konflikt mit Aserbaidschan und der Türkei: Der außenpolitische Handlungsspielraum der kleinen Republik ist minimal, Landgrenzen sind nur nach Georgien und Iran geöffnet.

Günter Spreitzhofer, geboren 1966, ist Lektor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien; Arbeitschwerpunkte: (Südost-)Asien, Tourismus, Umwelt & Ressourcen.

Als einziges Land des Südkaukasus trat Armenien freiwillig der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten bei und erlaubte russisches Militär auf seinem Staatsgebiet. Im Gegenzug erhielt es militärische Hilfe für den Krieg gegen Aserbaidschan, der seit 1994 immer wieder aufflackert. Heute ist Armenien Mitglied in der von Russland geführten Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und weitgehend abhängig von Russlands Energiepolitik. Eine Erhöhung der Lieferpreise im Sommer 2013 war ausreichend, um dem damaligen Präsidenten Sargsjan eine Zustimmung zum Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion abzuringen.
Im März 2014 stimmte Armenien in der UNO-Generalversammlung mit nur neun anderen Staaten, darunter Nordkorea, Weißrussland und Syrien, gegen eine Verurteilung des russischen Vorgehens auf der Krim. Die 2007 eröffnete Iran-Armenien-Gaspipeline verringert zwar die Abhängigkeit von Moskau, macht aber – aufgrund der internationalen Iran-Sanktionen – die nationale Außenpolitik nicht unbedingt einfacher.
Die Völkervielfalt in der Kaukasus-Region ist gewaltig. Doch Armenien ist ethnisch homogen, 98 Prozent der Bevölkerung (von insgesamt drei Millionen) sind ethnische Armenier. Die meisten fühlen sich der Armenischen Apostolischen Kirche zugehörig, die seit Ende des Sowjetregimes und der Unabhängigkeit Armeniens (1991) stark an Bedeutung gewonnen hat: Das Christentum ist – neben der armenischen Sprache und Schrift – der Schlüssel zur nationalen Identifikation, angesichts bevölkerungsstarker muslimischer Nachbarstaaten wie Türkei und Iran. Während des Völkermords an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts wurden mehr als 4.000 Geistliche getötet, unter Stalin weitere 1.000 und über 2.000 Kirchen zerstört: Selbst das Oberhaupt der Armenischen Kirche, der Katholikos Choren I., wurde 1938 in seiner Residenz erdrosselt aufgefunden.
Armenien gilt als das älteste christliche Land der Welt: Schon im Jahr 301 wurde das Christentum zur Staatsreligion gemacht. Dass die Arche Noah am Vulkankegel des Ararat gestrandet sein soll, passt ins Bild der Legenden, die sich um das kleine Land am Kaukasus ranken – religiös verbrämte Narrative können etwas Tröstliches haben, wenn eine Region stets zum Spielball der Großmächte wurde und allzu oft am Kreuzweg der Welten lag, hin- und hergerissen zwischen Ost und West. Die Sehnsucht nach der freien, westlichen Welt führte zu Beitritten bei UNO und OSZE (1992) sowie zum Europarat (2001) und einem Vertrag zu vertiefter Zusammenarbeit mit der EU (2017).

Soziale Polarisierung
Geschätzte neun Millionen Auslandsarmenier, fast eine Million davon in Frankreich, halten mit ihren Geldsendungen rund ein Drittel der heimischen Bevölkerung und Wirtschaft am Leben. Rund 150.000 davon leben in der Region Arzach. Der oligopolistische Charakter der Wirtschaft hat die Kluft zwischen Arm und Reich verstärkt und die soziale Polarisierung vorangetrieben. Die Volkswirtschaft ist wenig diversifiziert, jeder Dritte arbeitet in der Landwirtschaft. Grundrente (27 Euro monatlich) und Mindestlohn (330 Euro monatlich) sind seit 2015 weitgehend unverändert. Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 18 Prozent, liegt de facto jedoch deutlich höher.

Die Kaskade, Jerewans Treppenkomplex, und das oberhalb davon gelegene „Russisch-Armenische Monument des 50. Geburtstages“ sind hier im Hintergrund zu sehen. Im Vordergrund: Die Alexander-Tamanyan-Statue.
– © SpreitzhoferDie Zahl der Armenier in der Diaspora ist jedenfalls weit größer als die aktuelle Bevölkerung des Landes, mit prominenten Aushängeschildern aus Musik, Sport und Show: Charles Aznavour hat in Jerewan ein eigenes Museum oberhalb der Kaskade, der Renommiertreppe unterhalb des „Russisch-Armenischen Monuments des 50. Geburtstages“, bekommen. Tennis-Ikone Andre Agassi und Reality-TV-Starlet Kim Kardashian sind nicht nur in den sozialen Medien allgegenwärtig. Und der oftmalige Schachweltmeister Garri Kasparov, obwohl in Aserbaidschan geboren, betont stets seine armenischen Wurzeln und ist seit Jahrzehnten russischer Oppositioneller. „Solange Putin im Kreml ist, gibt es keine Chancen für den Frieden, denn der Frieden bedeutet für Putin das Ende seiner Macht“, sagte er bereits 2015.
Doch noch ist wenig zu spüren davon. Und Armenien hat wenig Lust auf die Rolle des Bauernopfers in den Strategiespielen Russlands.

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