Einkaufen – Wer kauft, muss auch einräumen

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In Ottakring hat vor kurzem ein demokratischer Supermarkt eröffnet. Die Kunden bestimmen das Sortiment, müssen dafür aber auch selber mit anpacken. „Das Kassensystem haben wir selbst aufgesetzt“ erzählt Jenny, die mit einem älteren Kollegen die Kassa in dem kleinen Geschäft bedient. Er, etwas weniger routiniert, wird gerade eingeschult. Jenny, die eigentlich als Prozessentwicklerin arbeitet, schmeißt die erste Schicht im kleinen Mitmach-Supermarkt im 16. Bezirk.

Das besondere daran: Einkaufen dürfen nur Mitglieder, sie bestimmen aber auch mit, was im Angebot landet. Wie alle Mitglieder arbeitet auch Jenny ein paar Stunden im Monat im Verkauf. Dafür kann sie die überwiegend biologischen und regionalen Artikel kaufen, die im Schnitt billiger als im Bioladen angeboten werden. „Ich, zum Beispiel, hab mir die Geschirrspülertabs von Claro gewünscht, erzählt die Sprecherin Brigitte Reisenberger. „Die sind ökologisch und in Anif bei Salzburg produziert.“

Bio und regional

Wer beim Mila einkaufen will, muss auch selbst Hand anlegen. – © MilaWichtig sei die Preistransparenz. „Bei uns gibt es keine Lockangebote, wie etwa Billigfleisch im normalen Handel.“ Dafür sollen Produkte im „Mila Supermarkt“, wie er sich nennt, möglichst regional, saisonal und fair sein. „Aber nicht nur bio, weil das sonst Mitglieder ausschließt“, erklärt Reisenberger. „Wir schauen schon, dass es günstige Preise gibt – ohne Preisdruck auf die Produzenten auszuüben.“ Die Sprecherin, die mit 25 weiteren seit zwei Jahren an dem Konzept getüftelt hat, empfängt vor der ehemaligen Greißlerei Medienteam um Medienteam. Ein demokratischer Supermarkt, das ist was Neues.
Die derzeit 500 Mitglieder will man auf mindestens 2.000 ausbauen, um dann einen richtigen Supermarkt mit 600 Quadratmeter Verkaufsfläche aufzumachen. Der gerade eröffnete kleine Laden in der Haberlgasse ist dafür nur ein erster Testballon – mit gerade einmal einem Zehntel der gewünschten Fläche.
Auf Holzregalen reiht sich neben vorgekochten Bio-Bohnen im Vakuumsack aus Österreich auch die kostengünstigere Alternative in der Dose. Neben Lebensmitteln werden auch Getränke und Haushaltsprodukte wie Seife oder eben Geschirrspülmittel verkauft. Langfristig werde man das Ganze in eine Genossenschaft umwandeln. „Dann kauft jedes neue Mitglied einen Anteil des Unternehmens und kann dann auch mitbestimmen“, erklärt Reisenberger, die hauptberuflich bei einer Umwelt-NGO angestellt ist. Angetrieben habe sie der Wunsch nach qualitativ gutem Essen und die Möglichkeit, selbst mitzubestimmen, was im Regal stimmt. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 12 oder 24 Euro pro Jahr, je nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten.

Riesiges Sozialexperiment
Für David Jelinek ist der Mitmach-Supermarkt „ein Riesen-Sozialexperiment“. Es sei einfach spannend, mit vielen Leuten einen Betrieb aufzubauen. Auch Jelinek ist im Team der Projektentwickler von Anfang an mit dabei. Es sei spannend, zu sehen, wie Menschen bei dem Projekt erkennen würden: „Ich kann mich nicht nur zurücklehnen und einkaufen, sondern muss auch mithelfen.“ Würde man für eine Schicht ausfallen, müsse man sich selber eine Vertretung organisieren. „Das nimmt dir niemand ab.“
Jelinek hat jahrelange Erfahrung im Handel. Er hat im Bioladen und am Markt gearbeitet. Das dort erworbene Wissen helfe ihm jetzt auch den Mitmach-Supermarkt mitzuorganisieren. Überhaupt habe man „gute Leute im Team“, eine erfahrene Buchhalterin, einen ehemaligen Geschäftsführer von FairTrade und viel weiteres Know-how in der Branche. Reisenberger lacht und erklärt, sie habe in Rechnungswesen maturiert. Ihre Vorbilder aber, erzählt David Jelinek – Mitmach-Supermärkte in Berlin oder Paris -, hätten gezeigt, dass man wenig Spezialwissen benötige, um so etwas aufzubauen. Vielmehr brauche es Idealismus, Zeit und Engagement.
Mit mehr als 4.000 Mitgliedern läuft der demokratische Supermarkt „La Louve“ in Paris sehr erfolgreich. Ein Jahresumsatz von acht Millionen Euro bestätige das. So weit sei man aber in Wien bei weitem noch nicht. Wie in Paris aber werde der Mila Supermarkt überwiegend von kleinen Produzenten und Produktionsgenossenschaften beliefert. „Unser ganzes Gemüse kommt aus Wien und ist zu 100 Prozent bio.“ Den Käse beziehe man von einer Käsereigenossenschaft aus Kärnten, die Tomatensauce aus Italien, von einem garantiert mafiafreien Produktionsverbund. „Ich erwarte, dass unser Plan funktioniert,“ gibt sich David Jelinek zuversichtlich. „Ob es aber wirklich klappt, sehen wir erst in der Praxis.“ Für die nächsten Wochen seien die Arbeitsschichten im Geschäft jedenfalls schon belegt.
Indes stehen vor der Kassa im Mila-Supermarkt schon einige Kunden in der Schlange. „Da sollten einmal die Leute aus der Nachbarschaft mitmachen“, findet eine ältere Frau, während sich Jennys Kollege mit der Eingabe an der Kassa abmüht. David Jelinek kippt zwei Säcke Kartoffeln in Gemüsekisten und sortiert noch ein paar Äpfel aus. Insbesondere von der neuen Sichtbarkeit ihrer Initiative im Bezirk erhofft sich Brigitte Reisenberger einen Mitgliederzuwachs. Ob es aber für einen demokratischen Mitmach-Supermarkt im großen Stil wie in Paris reichen wird, war am Tag der Eröffnung noch nicht abzusehen.

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