Heidi Horten Collection – Invasion von Licht und Tier

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Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Nun ist es so weit: Nach nur zwei Jahren Bauzeit gibt es im Inneren des Hanusch-Hofs das neue Museum der privaten Sammlerin Heidi Goëss-Horten. Kein Ringstraßenpalais und überhaupt dominiert, trotz neuem Drei-Plateau-Einbau durch next Enterprise Architects (Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs und Ernst J. Fuchs), eher Understatement. Das gilt freilich nicht für die Sammlung, von der allerdings Rücksicht nehmend auf das Kennenlernen des Hauses und seiner Entstehungsgeschichte in eigenen filmischen, fotografischen und zeichnerischen Dokumentationen von Stefan Oláh und Andreas Duscha in den Kabinetten und im Auditorium, nur drei kleine Themen-Aspekte von Direktorin Agnes Husslein-Arco und ihrem Team ausgewählt werden konnten.

Bedeutende Sammlung

AusstellungOpenHeidi Horten CollectionAb 3. Juni bis 2. Oktober

Die Werke – früher war noch zu Lebzeiten von Helmut Horten mehr die Kunst der klassischen Moderne Schwerpunkt, seit den 1990er Jahren ist aber verstärkt Gegenwartskunst von Interesse – sind heute eine der 200 bedeutendsten Sammlungen der Welt. Kein Wunder, umfassen sie doch auch Wien um 1900 mit Klimt und Schiele, Auguste Rodin, Alexander Calder, Antony Gormley und andere Skulpturen bis hin zur Lichtkunst Dan Flavins und Brigitte Kowanz’, aber vor allem Schwerpunkte in Pop Art, Arte Povera, neuerdings auch Videos und Fotografie. Die meisten hingen früher in den Häusern der Sammlerin, erst zuletzt wurde aber eine große Lichtarbeit („Target“) von John Armleder in Hinblick auf die Erstpräsentation im eigenen Museum angekauft.

Andy Warhol & Jean-Michel Basquiat, Collaboration (Paramount), 1984/85. – © H. Horten Collection / BildrechtAuf die Idee, oder besser den lustvollen Geschmack, sich dieses Haus mitten in Wien zu leisten, kam Heidi Horten anlässlich der Ausstellung „Wow!“ im Leopold Museum 2018. Das Publikum kam zahlreich, um die Sammlung erstmals zu sehen. Damalige Lieblingsstücke werden auch aktuell berücksichtig – waren doch das Ehepaar Claude und François-Xavier Lalanne mit ihrem Bronze-Gorilla und Hasen besonders beliebt: Nun empfangen die beiden in der Eingangshalle und bilden mit Constantin Lusers „Vibrosauria“ ein Trio. Dieser wird nicht nur vom Künstler bespielt (Trompetenklänge zum Auftakt), sondern er ragt, schaut und tönt auch in das erste Plateau, das gedreht eingehängt ist, mit hinauf.
Die Tier-Mensch-Konstellation als private Sammlervorliebe bot sich also für einen Themenstrang an, die Lichtkunst für einen zweiten und die Sprache in Bildern als dritter. Wobei im Eingang Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol die Street- und Pop-Art-Verschnitte zur „Buchstäblichkeit“ verbinden, oben zeigt dies dann Alghiero Boetti mit einem gewebten Buchstabenbild. Die Gewichtung auf absolute Meisterwerke wird von einigen jungen Positionen unterbrochen, so ist Lena Henks säuische lila „Ur-Mutter“ ein Neuankauf von 2019, auch Lili Reynaud-Dewar mit ihrem performativen Video „Lady to Fox“ kam erst 2022 dazu. Lucio Fontanas Schnitte durch die Leinwand verbinden alle drei Geschoße als eine Serie von besonderen Hauptwerken, die Heidi Horten besitzt, wie auch Werke von Robert Rauschenberg mit Malerei und Skulptur.
Auf die Cy Twomblys oder Jean Dubuffets, auf Francis Bacon, Lucian Freud oder auch Yves Klein oder Georg Baselitz muss noch gewartet werden, denn im Herbst kommt eine neue Schau, die sich allerdings der Mode als einem Hauptthema der Moderne befassen wird. Doch die Klassiker sind ja zahlreich, wie Pablo Picasso oder Rene Magritte, und so wird es immer lohnenswert sein, für die eigene Vorlieben einen Blick hereinzuwerfen. Auch der Tea Room könnte ein Anreiz sein vorbeizuschauen, ist er doch von Hans Kupelwieser (Decke) und Markus Schinwald (Wände) gestaltet und mit alten Stehlampen voll 1970er-Flair, für alle mit Sehnsucht zurück zur alten Freiheit, weniger Hippie-bunt als nobel düster voll feiner Materialien.
Das umstrittene Hauptwerk Damien Hirsts mit den in der Malschicht klebenden echten Schmetterlingen, „Love, Love, Love“ von 1995, bringt die Problematik unseres Naturbegriffs am ersten Plateau zum Ausdruck. Dieser Problematik eigener Provenienzforschung kommt die Heidi Horten Collection aber auch nach: Peter Hoeres von der Universität Würzburg hat ein wissenschaftliches Gutachten zu Arisierungsfragen im Zusammenhang mit der unternehmerischen Tätigkeit Helmut Hortens erstellt, das auf der Webseite des Würzburger Instituts für Geschichte und im Pressebereich des Museums nachzulesen ist.

Kunst in den Nassräumen
Die Sammlung selbst beinhaltet keine Werke mit problematischer Herkunft, vor allem die nach dem Tod ihres Mannes von Heidi Horten erworbenen Hauptwerke. 1996 hatte sie, schon gemeinsam mit Agnes Husslein, mit einem Ankauf von 30 Werken bei einer Auktion in London weltweit mediales Großgemunkel ausgelöst, wohl auch ein Schlüsselmoment für dieses Museum, über das sicher noch ausführlicher berichtet werden kann.
Zum gelungenen Auftakt ist einmal die Architektur gut sichtbar, Stellwände für andere Ausstellungen werden diese sicher einmal in den Hintergrund rücken. Selbst in den Nassräumen gibt es neben Musik auch Kunst: Andreas Duscha hat die Glaswände gestaltet, um es mit dem Lichtherz Tim Nobles & Sue Websters zu sagen: „Fucking Beautiful!“

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