ImPulsTanz 2022 – Der Tanz über den Bodensee

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Ein wenig angespannt scheint Karl Regensburger, als er im Garten des Café Sperl zum Interview erscheint. Der Intendant des Impulstanz-Festivals wartet gar nicht auf eine erste Frage, sondern macht seinem Kummer gleich Luft und erzählt über die diesjährigen Corona-Schwierigkeiten, die mühsame Work-Life-Balance und die ungesunde Entwicklung mancher Veranstalter, die an die Formel 1 erinnert.
Karl Regensburger: Die jetzige Covid-Situation macht uns nervös, denn wir müssen hoffen, dass alle Künstler gesund bleiben, um auch planmäßig aufzutreten. Das Tanztheater Wuppertal hatte kürzlich erst vier Fälle, am nächsten Tag dann 15 und am darauffolgenden 20. Das führte zur Absage eines Gastspiels in Paris. Die für Wien vorgesehenen Tänzer wurden sofort isoliert. Die Tänzer in Paris sind noch, bis sie sich freitesten können, vor Ort. Was das alles kostet! Jetzt schaut es noch gut aus, aber das kann sich jederzeit ändern. Die Kompagnie Rosas hat die letzte Vorstellung in Brüssel und ihren Auftritt beim Festival in Montpellier absagen müssen. Sie reisen erst am 10. Juli an, da ist noch Zeit.

Karl Regensburger und Ismael Ivo gründeten 1984 die Internationalen Tanzwochen Wien, das heutige Impulstanz-Festival, das zu den größten Tanzfestivals weltweit zählt. – © APA/ROLAND SCHLAGER

„Wiener Zeitung“: Das klingt ja fast noch schwieriger als im Vorjahr?
Im letzten Jahr hatten wir 50 Prozent Verkauf geplant und dann durften wir voll verkaufen und hatten schließlich noch Zusatzvorstellungen. 2021 war ein schwieriges Festival, aber 2022 wird noch viel, viel schwieriger. Wir dachten, wir können uns heuer die teuren Teststraßen sparen, denn die gehen wirklich ins Geld. Im letzten Jahr wurde das finanziell noch aufgefangen, heuer nicht mehr. Aber wir haben fast 100 Stipendiaten, die überall teilnehmen. Wenn da einer krank wird . . . Also müssen wir testen. Das ist unsere Verantwortung. Ein kleiner Ritt über den Bodensee, den wir da vorhaben. (lacht)
Und finanziell riskant, oder?
Sagen wir, es ist ein ausverkauftes Burgtheater und wir müssen den Kartenverkauf rückabwickeln. Wir haben dann keine Einnahmen für die Personen, die Abenddienst hätten, oder die Künstler, die sich in Quarantäne in Wien befinden. Da hat man als Veranstalter alles richtig gemacht, hat ausverkaufte Vorstellungen . . . Ein Drama, damit haben wir nicht gerechnet. Es ist eine grausliche Zeit. Und dann haben wir noch das Problem, junge Mitarbeiter für den Publikumsdienst zu finden. Sie wollen Samstag und Sonntag nicht arbeiten und nur zwei bis drei Tage die Woche. Die Suche nach der Work-Life-Balance macht mich verrückt.
Wie sieht es denn generell mit dem Budget des Festivals nach den letzten beiden Jahren aus?

Highlights aus dem Programm:Das Impulstanz-Festival zeigt von 7. Juli bis 7. August rund 54 Produktionen in 20 Wiener Spielstätten. Den Anfang macht am 7. Juli Pina Bauschs Werk „Vollmond“, das im Burgtheater seine österreichische Erstaufführung feiert. Sechs Tänzer versammelt die belgische Großmeisterin De Keersmaeker in „Mystery Sonatas/for Rosa“, wo zu den barocken Klängen von Heinrich Ignaz Franz Bibers „Mysteriensonaten“ getanzt wird (ab 12. Juli). „All the good“ bringt Jan Lauwers mit seiner Needcompany ab 17. Juli auf die Bühne des Volkstheaters. Der britische Starchoreograf Akram Khan interpretiert das „Dschungelbuch“ ab 23. Juli im Burgtheater neu. Ebenfalls eine Neuinterpretation liefert die Südafrikanerin Dada Masilo mit ihrer Kompagnie The Dance Factory mit der Rückkehr von „The Sacrifice“, in dem sie dem Klassiker „Le Sacre du Printemps“ zu Leibe rückt.“Modern Chimeras“ des österreichischen Choreografen Chris Haring feiert am 29. Juli im Oden Premiere. Auch Florentina Holzinger darf nicht fehlen: Ihr „Tanz“ aus 2019 ist ab 31. Juli zu sehen.Auch Museen werden heuer wieder bespielt: Im Mumok ist etwa die Werkschau der südkoreanischen Künstlerin Geumhyung Jeong zu sehen, im Leopold Museum treffen einander zehn Künstlerinnen und Künstler aus sieben Ländern im „Performance Situation Room“ des EU-Netzwerks „Life Long Burning“.

Man kann sagen, wir sind im weitersten Sinne Krisengewinner. Es gab wirklich eine großzügige Kulturpolitik in Wien und überhaupt in Österreich mit den hundertprozentigen Subventionsauszahlungen und Kurzarbeit. Das hat dazu geführt, dass wir uns finanziell gefangen haben und sogar 2021 eine kleine Reserve bilden konnten, die wir aber heuer mit Sicherheit hinausblasen müssen wegen des Unvorhersehbaren. Wir haben uns 2020 und 2021 sehr bemüht, trotz Beschränkungen präsent zu bleiben. 2020 vor allem mit der Reihe „Public moves“, die niederschwellig Tanz an verschiedenen Wiener Standorten zu den Menschen brachte.
2019 zeigte Impulstanz 65 Produktionen, 2021 waren es 61 und heuer 54 Produktionen. Weshalb ist hier eine sinkende Tendenz zu erkennen?
Da gibt es keine sinkende Tendenz zu erkennen, denn von den aufgelegten Karten haben wir sogar eine steigende mit mehr als 40.000, im Vorjahr waren es rund 35.000. Wir haben uns auf eine Einschränkung dere Produktionen konzentriert, zeigen dafür aber größere. Der Vorverkauf ist sehr vielversprechend, auch wenn es eine Woche vor Start einen kleinen Knick in der Kurve gab.
Was ist der Grund dafür?
Es gibt seit der Pandemie allgemein die Tendenz, Karten sehr, sehr spät zu kaufen, wie wenn die Zuseher abwarten würden.
Gilt das auch für die Workshops im Arsenal?
Die sind hervorragend gebucht. Die Buchungen sind sehr viel besser als im Vorjahr, wo wir sehr unter den Reisebeschränkungen gelitten haben: Beispielsweise die professionellen Tänzer der Uni Melbourne, die mit 30 Studenten schon 2020 auf 14 Tage kommen wollten. Sie dürfen gar nicht verreisen bis 1. September und versäumen deshalb bereits das dritte Festival.
Impulstanz zeigt Künstler, die künftig im Festspielhaus St. Pölten unter der neuen Intendanz von Bettina Masuch zu sehen sein werden. Kannibalisieren Sie einander?
Aber nein. (lacht) Es soll jeder dorthin gehen, wo es ihm besser gefällt. Man hat letzen Endes gar kein Recht auf bestimmte Künstler. Früher war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man einander angerufen hat und gesagt hat: „Ich hätte das auch gerne, ist das eh in Ordnung für dich?“ Aber diese Kommunikation ist völlig versandet. Nicht, dass man einander nicht kennt oder nicht spricht. Es ist auch immer eine Budgetfrage.
Inwiefern?
Na, wenn ich angerufen werde von einem Künstler, der eingeladen wurde, im nächsten Jahr das Festival in Avignon zu eröffnen, aber zuvor einige Co-Producer zu je 40.000 Euro finden muss, dann frage ich sie schon, ob sie verrückt geworden sind. Was hat Impulstanz damit zu tun? Das kommt mir vor wie in der Formel 1, wo du Millionen mitbringen musst, um überhaupt reinzukommen. Das greift gerade auf den Kulturbereich über und ist eine sehr ungesunde Entwicklung.
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Unter anderem auf Jan Lauwers und seine Needcompany, die mangels „artistic relevance“ in Flandern keine Subventionen mehr bekamen. Das ist verrückt! Aber vor wenigen Tagen haben erneute Verhandlungen begonnen. Deshalb freue ich mich auf sie.

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