Stadtbild – Wien in der Schneekugel

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Neulich war ich in einem Souvenirladen. Ich wollte wissen, was typisch wienerisch ist, welche Orte und Szenen, zu kleinen handlichen Mitbringseln verarbeitet, als Souvenirs für das touristische Publikum bereitstehen. Ich war der einzige Besucher im Geschäft und konnte das breite Sortiment in aller Ruhe begutachten. Beginnen wir mit der obligaten Schneekugel. Der Renner ist, kaum verwunderlich, das Riesenrad. Auch der Stephansdom im Schneegestöber ist in unterschiedlichen Varianten zu haben, ebenso die Sachertorte und auch der Guglhupf, natürlich die Kaiserin Sisi, Schloss Schönbrunn und das Rathaus. Erwartbare Motive, im Großen und Ganzen.

Alte Sehenswürdigkeiten
Dann begutachtete ich die bedruckten Kaffeehäferl: Riesenrad, Riesenrad, Riesenrad, aber auch Schönbrunn, Stephansdom, Kaiser Franz Joseph, Sisi. Dann die Wien-Bonbonnieren. Hier dominiert eindeutig Habsburg: Sisi und Franz Joseph, daneben Klimts „Kuss“ und Mozart, mit und ohne Kugel. Schließlich die Kühlschrankmagneten: Riesenrad, Karlskirche, Mozart, Strauß, Lipizzaner.

Wiener Riesenrand, Postkarte Brüder Kohn, um 1910.
– © Archiv HolzerEinen Versuch machte ich noch: die Postkarten. Wieder dieselben Motive, oft zu einer typisch wienerischen Bildmelange verdichtet: Riesenrad und Rathaus, Sisi und Mozart, Lipizzaner und Schönbrunn. Als ich den Laden verließ, dachte ich bei mir: Ganz überraschend ist der Befund nicht. Ist es so einfach, das typisch Wienerische auf den Punkt zu bringen? – Eine Collage von Klischees und fertig ist das Wien-Bild. Ganz so einfach ist, wie sich zeigen wird, die Sache nicht.
Es gibt Städte, die unter dem Gewicht der althergebrachten Klischees zu ersticken drohen, und andere, die die permanente Veränderung und Erneuerung feiern. Die Souvenirläden New Yorks etwa blenden die langsame, gemächliche Stadt der Vormoderne fast zur Gänze aus. Im klischeehaften Mitbringsel ist die Stadt immer schon die pulsierende Weltmetropole, in den Schneekugeln drängen sich die Wolkenkratzer, die Freiheitsstatue und das knallgelbe Taxi. Oder nehmen wir Mexiko City, eine Stadt, die in permanenter Veränderung begriffen ist, die rasant lebt und ständig expandiert. Im Sortiment der Souvenirs freilich wird sie mit einer dicken Lasur Mythologie überzogen: bunte Sombreros, Stoffmuster und Handwerkskunst der indigenen Bevölkerung, grell bemalte Totenköpfe und dazwischen ein wenig Frida Kahlo. Das gegenwärtige, moderne Mexiko wird weitgehend ausgeblendet.
Auch Wien huldigt im Klischeebild des Souvenirs fast ausschließlich der Vergangenheit. Nur hie und da schiebt sich ein Gebäude aus der Zeit nach 1945 ins Bild, gelegentlich die UNO-City, manchmal der Donauturm oder das Hundertwasserhaus.

Musik ist in der Luft
Wie kam es dazu, dass die Stadt, die sich in den letzten Jahren zur modernen europäischen Metropole verwandelte, die immer neue Stadtviertel aus dem Boden stampfte und an Bevölkerungszahl enorm zunahm, in den touristischen Selbstbildern so eisern an den überkommenen Sujets festhält? Ist das etwa kühle Marketingkalkulation oder gar Ausdruck der Wiener Seele? Immerhin: In anderen Städten haben es spektakuläre Neubauten sehr wohl in das Spektrum der touristischen Souvenirs geschafft. In Hamburg etwa gehört die Ende 2016 fertiggestellte Elbphilharmonie schon längst zu den beliebten Sujets auf Postkarten und Kühlschrankmagneten. In Wien ist das offenbar anders. Die Stadt tut sich schwer mit der Skyline der Gegenwart.

Wien-Idealisierung im Film, 1957. – © Archiv HolzerBeginnen wir unsere Recherche im Kino. In den letzten Dezembertagen des Jahres 1957 kam eine flotte, leichte, mit süßen Melodien unterlegte Liebeskomödie in die Kinos, die die Wiener Klischees von A bis Z durchdeklinierte. „Wien, du Stadt meiner Träume“ hieß der Streifen, bei dem Willi Forst Regie führte. Er erzählt die Geschichte eines aus fremden Landen im Flugzeug anreisenden Königs von Alanien, der zusammen mit seiner schönen Tochter Wien, die Stadt seiner Träume, besucht.
Der erste Blick zeigt den Stephansdom aus der Luft, dann fährt das Paar in der offenen Limousine ins Zentrum. Im mondänen Hotel angekommen, tänzelt die Tochter im Walzerschritt durch das Zimmer und meint: „Man spürt es regelrecht: Hier ist Musik in der Luft.“ Und der Vater bringt die Quintessenz der Wiener Seele ins Spiel: „Alles ist langsam, ruhig, gemütlich, Dreivierteltakt.“

Sehnsuchtsort
Kaum angekommen, bittet das offizielle Österreich die beiden Staatsgäste zu einer Sightseeingtour durch Wien, die in einem atemlosen, wilden Parforceritt alle wichtigen Sehenswürdigkeiten abklappert: Nationalbibliothek, Hofburg, Kunsthistorisches und Naturhistorisches Museum, Heldenplatz und, und, und … Spätestens in Schönbrunn wird der Besichtigungsslalom endgültig zur augenzwinkernden Farce: Der, wie man heute sagen würde, Guide stellt vor: „Das ist Schönbrunn von vorne gesehen, das ist Schönbrunn von hinten gesehen, das ist Schönbrunn von der Seite gesehen, das ist Schönbrunn von oben gesehen …“ „Und Schönbrunn von innen?“, fragt die wissbegierige Besucherin. Der Guide winkt ab: „Dazu ist leider keine Zeit mehr.“
Am Schwarzenbergplatz weist der Reiseführer auf das Palais des Fürsten Schwarzenberg hin. Zu sehen ist dieses freilich nicht, es wird vom überdimensionalen Heldendenkmal der Roten Armee verdeckt. „Dieses Denkmal, das war früher nicht da“, entschuldigt sich der Guide, es sei „jüngeren Datums“. Und auf Knopfdruck schießt die Fontäne des Hochstrahlbrunnens empor, die den Blick auf das Denkmal vollkommen verdeckt.
Es ist kein Zufall, dass diese seichte Komödie Ende der 1950er Jahre die Gegenwart zur Gänze ausblendet und die gute alte Zeit als glänzende Bühnenkulisse vorführt. Denn das Selbstverständnis Österreichs, zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und zwei Jahre nach dem Ende der Besatzungszeit und dem Staatsvertrag (1955), zehrte, eben weil die jüngere Vergangenheit traumatisch und die Gegenwart unsicher war, vom Glanz der Vergangenheit. Die Tour der Sehenswürdigkeiten umschifft die Kriegszerstörungen und die Not und lässt an ihrer Stelle die gute alte Zeit der Monarchie wiederauferstehen, als Sehnsuchtsort und als Inbegriff für das, was Wien und Österreich anscheinend ausmacht. Das typische Wien gerinnt zum Klischee, der touristische Parcours wird zur Zeitreise.

Möchtegern-Wien
Es ist ein Kennzeichen der Wiener Selbstcharakterisierung, in Zeiten rasanter Veränderung auf die angeblich gute alte Zeit zu setzen. Im Zweifelsfall endet diese nicht im Gestern, sondern im Vorgestern, spätestens aber 1918.
In einer wunderbaren kleinen Skizze mit dem Titel „Post Mortem“, die Helmut Qualtinger für den 1967 von Franz Hubmann herausgegebenen Bildband „Die gute alte Zeit“ geschrieben hat, kratzt er am nostalgischen Glanz der Wiener Vergangenheit. Sein Befund über die ungebrochene Faszination der besagten „guten alten Zeit“ fällt ernüchternd aus. Die Vergangenheit trete uns, so Qualtinger, in Wien im Gewand der Operette entgegen. Der Befund liest sich wie ein Kommentar zum wenige Jahre zuvor fertiggestellten Film „Wien, du Stadt meiner Träume“. Die Gegenwart wird verhüllt und ausgeblendet, die Vergangenheit zur gefälligen Bühnenshow umfunktioniert.
„Das Zentrum dieser Vorstellungswelt ist die Donaumonarchie: der Hofball, der Makartfestzug, der Blumenkorso, die Burgmusik, ferner, in Personen manifestiert: die schöne Kaiserin, der unglückliche Kronprinz und – unantastbar, überlebensgroß, seinen schwarzgelben Schatten noch auf spätere Generationen werfend – der Kaiser selbst. Sein Tod und das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutet für viele die Grenze zwischen der guten alten und der bösen neuen Zeit. (…) Der gelernte Österreicher sieht diese Welt durch einen Filter: jung, strahlend, bunt, intakt, das verlorene Paradies.“
Qualtinger seziert mit scharfem Blick die Doppelbödigkeit der „guten alten Zeit“, er diagnostiziert das Auseinanderklaffen von Möchtegern-Wien und tatsächlichem Wiener Alltag, von nostalgischem Anflug und ernüchternden Tatsachen. Er weist darauf hin, dass die Idealisierung der Vergangenheit in klarer Abgrenzung zur Jetztzeit erfolgt.

Archaische Inseln
Die Wiener Sehenswürdigkeiten, die im Film dem aus der Fremde angereisten träumerischen Königspaar präsentiert werden, sind Kulissen, aber nicht nur. Sie sind auch reale Sehnsuchtsorte, an die man selber – zumindest halbherzig – glaubt. Das Klischee hat also immer einen wirklichen Kern, der verhindert, dass die nostalgische Zeitreise zur reinen Fiktion wird.
Die Wiener Klischees sind also eine feine Mischung zwischen Erfindung und Realität, die vermutlich immer mehr über die Wünsche der Gegenwart als über die Szenen der Vergangenheit aussagt. Nehmen wir als Beispiel nur jene Orte, an denen die Wiener Befindlichkeit am häufigsten festgemacht wurde: den Prater, das Kaffeehaus oder den Naschmarkt. Diese Orte wurden in Bildern häufig als Projektionsflächen der typischen Lebensart, als gemächliche Kernzonen des Urwienerischen inszeniert.

Fiaker, aus der Serie „Wiener Typen“ von Fritz Winter, Postkarte Brüder Kohn, 1908.
– © Archiv HolzerSeit der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden umfangreiche Fotoserien, die etwa das „althergebrachte“ atmosphärische Kolorit der Wiener Märkte einfingen. Daneben stellten fotografische Reportagen, etwa von Emil Mayer, dem turbulenten Chaos der Großstadt das vergnügliche (und überschaubare) Leben im Wiener Prater gegenüber. Aus diesen Bildern kondensierte Mayer nostalgisch angehauchte, in Bromöldruck hergestellte Postkarten unter dem Titel „Wiener Typen und Straßenbilder“. Das angeblich „volkstümliche“ Leben, das in diesen Nahaufnahmen eingefangen wird, steckt inmitten der sich rasant transformierenden Metropole eine Art archaische Insel ab. Es ist das „verständlichere“, weil althergebrachte Gegenstück zum anonymen und potentiell verunsichernden Treiben der Großstadt.

Inbegriff des Langsamen
Das kitschbehaftete Personal dieser nostalgischen Projektionen ist nicht gänzlich frei erfunden, sondern hat sich in einem langen Überlieferungsprozess seit dem späten 18. Jahrhundert langsam herauskristallisiert. Die Blumenfrau, der Maronibrater, der Fiaker und die – in Bildern stets dicke – Marktfrau waren um 1900, als die Fotografie diese Sujets übernahm, schon längst in anderen Medien vorgeformt.
Die Wiener Typen, die an den vertrauten, typischen Wiener Orten unterwegs sind, sind vertrauenserweckende Ankerpunkte der Vergangenheit. Fortgeführt wurden etliche dieser Sujets teilweise bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts. Die „dicke Marktfrau“, die zunächst in der populären Grafik auftauchte und dann in der Fotografie weiterlebte, ist zur langlebigsten prototypischen Figur des Naschmarkts geworden. Noch in den 1970er und 1980er Jahren wird sie in Bildern beschworen. Das Sujet hatte immer dann als Inbegriff des langsamen, gemächlichen und überschaubaren Wien Konjunktur, wenn die Stadt sich rasch veränderte oder expandierte. Die nostalgischen Bilder der Vergangenheit wurden in die Welt gesetzt, um die Ängste, die mit dem modernen, kalten und angeblich anonymen Wien der wachsenden Großstadt einhergingen, zu bannen.

„Dicke Marktfrau“, Serie „Wiener Typen“, Postkarte Brüder Kohn, um 1917. – © Archiv HolzerWien könnte man als mitteleuropäische Hauptstadt der Klischees bezeichnen. Dieses Image ist, wie wir gesehen haben, nicht vom Himmel gefallen. Es wurde immer wieder neu entworfen, umgeformt und fortgeschrieben.

Nur neu verpackt
Das typische Wien ist daher ein sehr langlebiges Konglomerat, das sich schmiegsam an die sich verändernde Stadt anpasste. Und das auch in Zukunft überleben wird. Die Touristenströme werden bis heute mit klischeehafter und gänzlich zeitloser Meterware abgespeist. Das Retro-Image und das Bild der modernen, weltoffenen Metropole klafften im 21. Jahrhundert meilenweit auseinander. Und so schickte sich das städtische Marketing im Jahr 2012 an, einen Wettbewerb auszuloben, der das abgestandene Wien-Souvenir neu und zeitgemäß interpretieren sollte. Sechs renommierte europäische Designer wurden eingeladen, das Mitbringsel-Wien zu entstauben und den Souvenir-Evergreens der Riesenrad-Häferl und der Schneekugeln mit Stephansdom neue, frische Ideen gegenüberzustellen.

Lipizzaner in Schönbrunn, Postkarte, 1980er Jahre.
– © Archiv HolzerDie Siegerprojekte räumten nur auf den ersten Blick mit dem Nostalgie-Ramsch auf, denn die typischen Wiener Sujets verschwanden nicht ganz, sondern wurden nur neu verpackt. Etwa im flotten Spielkartenset, im Pop-up-Baukasten, einer Spieldose, im Kaffeeservice oder in einer unkonventionellen Wien-Postkarte. Mehr als eine flotte Marketing-Idee war das Ganze aber nicht. Die prämierten Einreichungen wurden zwar in einer Kleinserie produziert, zu Rennern im Sortiment der Souvenirläden wurden die schicken Up-to-date-Mitbringsel anscheinend aber nicht. Jedenfalls habe ich kein Stück davon bei meinen Recherchen entdeckt.
Zufall? Habe ich die Stücke übersehen? Wie auch immer: Wien bleibt Wien, typisch Wien.

Anton Holzer, Fotohistoriker, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“. Zusammen mit Frauke Kreutler hat er die Ausstellung „Augenblick! Straßenfotografie in Wien“ kuratiert, die bis 23. Oktober im Wien Museum/MUSA zu sehen ist. www.anton-holzer.at

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