Wien – „Es geht hier nicht ums Heilen“

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Zwei Verdachtsfälle vonKindesmissbrauch an Bildungseinrichtungen (ein Kindergarten und eine Volksschule) haben in Wien in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Die „Wiener Zeitung“ hat mit Paul Plener, dem Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien, über Gefahren, Hintergründe und Therapiemöglichkeiten gesprochen.

„Wiener Zeitung“: In beiden Fällen von Kindesmissbrauch sind die mutmaßlichen Täter als gute Kollegen und ausgesprochen nett beschrieben worden. Wenn wir uns das allgemein ansehen, so kommt es sehr oft vor, dass Kinderschänder von ihrer Umwelt als umgänglich und zuvorkommend wahrgenommen werden. Wie passt das zusammen: Ein ausgesprochen netter Mensch, der dann so eine grässliche Tat begeht?

Paul Plener. – © Meduni WienPaul Plener: Das ist keine ungewöhnliche Situation. Die Aufarbeitung von Prozessen weltweit hat gezeigt, dass das gerade für Kindesmissbrauch in Institutionen sehr typisch ist. Dieses Gefühl, dass gerade die sehr engagierten Kollegen, in solche Missbrauchsfälle verwickelt sind, rührt daher, dass diese sich an ihre potenziellen Opfer in einem mehrstufigen Prozess „heranarbeiten“. Das ist auch unter dem Fachbegriff „Grooming“ bekannt. Im Rahmen dessen werden jene Kolleginnen und Kollegen als besonders engagiert wahrgenommen, weil sie Grenzen verschieben. Die bleiben dann vielleicht länger in der Arbeit oder vermischen Arbeit und Berufsleben. Währenddessen loten sie aber eigentlich aus, ob die Betroffenen zu Hause etwas weitererzählen. Im sehr frühen Stadium testen die Täter, ob sie die Kinder ins Vertrauen ziehen oder auch Druck ausüben können, damit etwas geheim bleibt. Das sind in aller Regel Prozesse, die sich über eine längere Zeit hinziehen und während denen die Kollegen als besonders hingebungsvoll wahrgenommen werden.
Zum Thema Grenzen verschieben: Wenn ein Lehrer einem schwachen Schüler Nachhilfe bei sich zu Hause anbietet – müssen da bei den Eltern die Alarmglocken läuten?
Man will natürlich nicht das Engagement von Lehrern dämpfen, aber im Endeffekt lohnt es sich, zumindest hellhörig zu werden, wenn so ein Angebot kommt. Eine gute Orientierung bietet oft schon die Frage an das Kind, was das Bauchgefühl sagt. Aber solche Angebote sollte man im schulischen Rahmen oder in der Wohnung des Schülers absolvieren und nicht in der Privatwohnung der Lehrerin oder des Lehrers. Das ist eine unzulässige Grenzüberschreitung.
Gibt es Menschen – sowohl Kinder als auch Eltern -, die besonders gefährdet sind, in die Fänge von Kinderschändern zu geraten?
Ja, die gibt es tatsächlich. Wir wissen, dass sexuelle Aufklärung ein Faktor ist, der Kinder schützt. Wenn Kinder also wissen, was das ist und wo man eigene Grenzen verteidigen muss, wenn einem das unangenehm ist. Auch Kinder, die sicher gebunden sind und ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben, sind weniger anfällig. Zerrüttete Verhältnisse wiederum sind genau diese Dinge, die beim Grooming von Täterinnen und Tätern ausgetestet werden. Wenn hingegen wahrgenommen wird, dass das Kind mit seinen Eltern über alles spricht, dann beendet das meist schon früh so einen Anbahnungsprozess.
Wenn man sein Kleinkind aufklärt, läuft man da nicht Gefahr, es zu verschrecken? Das sind ja meist Wesen, die noch nicht mit dem Bösen in der Welt konfrontiert waren.
Ich spreche hier nicht von Aufklärung über sexuellen Missbrauch, sondern über generelle sexuelle Aufklärung, die natürlich altersadäquat ablaufen muss. Also: Geschlechtsteile benennen können, etwa. Man muss jetzt nicht mit Kindergartenkindern die expliziten Details des Geschlechtsverkehrs erörtern, aber eine Begrifflichkeit von Genitalien und deren Funktion einführen. Es geht darum, dass Kinder sie benennen können und wissen, dass das etwas ist, bei dem sie das Recht haben, Nein zu sagen. Das kann man auch Kleinkindern vermitteln, dass da niemand ohne ihre Erlaubnis hingreifen darf.
Ist Pädophilie ein Krankheitsbild oder eine sexuelle Neigung?
Das ist prinzipiell eine sexuelle Neigung. In der deutschen Mikado-Studie – der Studie „Missbrauch an Kindern“ – wurde festgehalten, dass vier Prozent der Bevölkerung schon einmal Fantasien über sexuelle Akte mit Kindern gehabt haben. Gott sei Dank ist es nicht so, dass die dann alle auch danach handeln. Diese Zahl ist viel geringer und wird auf etwa ein Prozent geschätzt.
Das heißt, da kann man dann auch nicht von „heilbar“ sprechen?
Es geht hier nicht ums Heilen. Es gibt zwar einen ICD-10-Code – also eine Krankheitsklassifizierung der Weltgesundheitsorganisation – für Pädophilie (F65.4), letztlich geht es aber darum, mit dieser Neigung leben zu lernen.
Was kann so jemand machen?
Es gibt Hilfsangebote für Leute, die nicht danach handeln wollen, obwohl sie diese Neigung verspüren. Das ist anonym. Die Männerberatung ist da eine gute Anlaufstelle.
Sie haben vorher von Täterinnen und Tätern gesprochen. Ist Kinderschändung nicht Männersache?
Es gibt deutlich mehr berichtete, beziehungsweise öffentliche Fälle, in denen Männer die Täter sind. Dennoch gibt es auch Frauen als Täterinnen. Man tut gut daran, das nicht nur in eine Richtung zu denken.
Vor einigen Jahren hat es den Fall eines Buben in einem Bad in Meidling gegeben. Der wurde schwerst missbraucht und misshandelt. Trotzdem hat das Gericht die Strafe des Täters von sieben auf vier Jahre Haft reduziert, mitunter mit dem Verweis darauf, dass es sein könne, dass es zukünftige Folgen für das Opfer „überhaupt nicht gibt“. Ist das Ihrer Erfahrung nach so, dass es sein kann, dass ein Kind so etwas unbeschadet übersteht?
Ja, das ist prinzipiell möglich. Es ist natürlich ein sehr hoher Risikofaktor gegeben für die Entwicklung einer Traumafolgestörung. Wenn man traumatische Erlebnisse miteinander vergleicht, dann ist gerade der sexuelle Missbrauch jener, der das höchste Risiko dafür birgt. Trotzdem gibt es resiliente Kinder, die Erlebnisse von sexuellem Missbrauch ohne weitere psychische Erkrankung erleben. Das ist aber die Minderheit. Was mir allerdings ein wenig Unbehagen an dem Fall verursacht, ist die Strafmaßanpassung. Man kann ja nicht mit Bestimmtheit sagen, was die Zukunft bringt. Nur, weil sich nach einem Jahr noch keine Zeichen einer Problematik gezeigt haben, heißt das nicht, dass sich überhaupt keine ergeben wird. Aber gut, ich bin auch kein Jurist und will mir da nichts anmaßen.
Trotzdem: Die Strafen für Kinderschändung sind in Österreich verhältnismäßig gering. Wenn überhaupt, reden wir da in der Regel von ein bis zwei Jahren Haft. Kann diese gesetzliche Lage den Missbrauch begünstigen?
Im großen Feld der Kindesmisshandlung und des Kindesmissbrauchs hat sich gezeigt, dass gesellschaftliche Normen und das, was in unserer Gesellschaft geächtet wird, direkten Einfluss auf die Häufigkeit der Vorkommnisse hat. Wenn in einem Land Gesetze verabschiedet werden, die körperliche Misshandlung als strafwürdig erachten, dann sinkt tatsächlich über Jahrzehnte die Häufigkeit an körperlicher Misshandlung. Ich glaube, dass das, was wir als falsch in unserer Gesellschaft erachten, und das Strafmaß, mit dem wir das bedenken, Wirkung zeigen. Aber darüber lässt sich streiten. Man sollte sich jedenfalls schon überlegen, was ein Vergehen für Auswirkungen auf und Folgen für ein Opfer hat und ob die Strafe damit korreliert.
In dem aktuellen Verdachtsfall auf Kindesmissbrauch in einem Kindergarten in Penzing sind Eltern empört, weil sie erst nach mehr als einem Jahr über den Verdacht informiert wurden. Sie sehen sich um die Möglichkeit einer Abklärung und eine mögliche zeitnahe Therapie betrogen. Macht zeitliche Distanz eine Therapie schwerer?
Man kann die Therapie auch mit zeitlicher Distanz machen. Das ist bei uns an der Kinder- und Jugendpsychiatrie eigentlich der Regelfall. Solche Ereignisse kommen oft sehr viel später ans Tageslicht. Man muss aber sagen, dass es den Betroffenen hilft, wenn sie möglichst früh darüber sprechen können. Es wirkt sich positiv auf die weitere Prognose für eine Traumafolgestörung aus, wenn ich ein Ereignis habe, das allen bewusst ist und über das ich möglichst früh kommunizieren kann. Negativ ist hingegen diese Heimlichkeit, die oft bei diesem Thema entsteht. Das ist genau die Strategie der Täter, dass die Betroffenen mit niemandem darüber reden dürfen, weil sonst schreckliche Dinge passieren. Das führt dazu, dass da etwas Fürchterliches ist, das das Kind mit niemandem teilen kann und das über die Jahre natürlich immer belastender wird. Da ist die Wut der Eltern schon verständlich. Sie haben recht, wenn sie sagen, dass man mit dem Verarbeitungsprozess viel früher beginnen hätte können. Das Kind hätte damit auch früher das Gefühl bekommen können, dass zwar etwas passiert ist, dass das aber nicht das Hier und Jetzt verändert hat. Solange das unausgesprochen bleibt, ist es immer im Hinterkopf.
Wie schwer ist es bei Kleinkindern, nach so langer Zeit einen möglichen Missbrauch festzustellen?
Es greifen oft Schutzmechanismen der Psyche, die Erinnerungen verwischen lassen. Je jünger das Kind ist, umso unklarer ist oft die Erinnerung. Das gilt insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Häufig können sie sich an Ereignisse auch nicht mehr ganz scharf erinnern. Gerade, wenn sich der sexuelle Missbrauch wiederholt zugetragen hat, verschwimmen oft Erinnerungsgrenzen, weil wir uns in einem Zustand hoher emotionaler und mentaler Aufregung befinden. Da ist man dann schon so angespannt, dass die Gedächtnisleistung leidet. Genau das stellt dann vor Gericht eine Schwierigkeit dar: Die einzelnen Ereignisse lassen sich nicht mehr gut voneinander abgrenzen oder es entstehen mitunter auch Erinnerungslücken. Das heißt aber nicht, dass sich diese Ereignisse nicht zugetragen haben.
Wie gefährlich ist eigentlich das Verdrängen? Wie sehr kann das das Leben jetzt, beziehungsweise zu einem späteren Zeitpunkt, beeinflussen?
Häufig bahnt sich dieses Erlebnis dann auf anderer Ebene seinen Weg und bricht dann auf. Die Sicht auf sich selbst, die Welt und ihre Gefährlichkeit kann sich ändern. Das individuelle Sicherheitsgefühl kann zerstört werden, ebenso wie der Umgang mit Menschen.
Wie sieht üblicherweise die Therapie bei Kindesmissbrauch aus?
Im Kindes- und Jugendalter wird die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie empfohlen, weil es da die besten Ergebnisse gibt. Um das jetzt ein bisschen konkreter zu erklären: Was diese traumafokussierten Verfahren gemein haben, ist, dass über das Erlebte explizit gesprochen wird. Das Erlebte wird angeschaut und die Überlebenden erneut exponiert. Es geht darum, zu erkennen, dass zwar in der Vergangenheit Dinge passiert sind, die schwierig für mich waren und belastend sind, dass diese Dinge aber keinen Einfluss mehr auf das Hier und Jetzt haben. Dass ich also wieder Kontrolle zurückgewinne über meine Erinnerungen und meine Reaktion auf diese.

Zur Person
Paul Plener ist Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im AKH Wien. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind Traumafolgestörungen bei Kindern und Jugendlichen.

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