Wissenschaftskommunikation – Forschung mit gesellschaftlicher Wirkung

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„Wiener Zeitung“: Erst Wissenschafter, dann politischer Berater, dann Minister und ab 1. Juli Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Wussten Sie bei Ihrem neuen Job eher, worauf Sie sich einließen, denn als Quereinsteiger in die Politik?

Heinz Faßmann: Wahrscheinlich ja, meine wissenschaftliche Tätigkeit begann hier, und zwar im Jahr 1980. Die tägliche Arbeit wird sicherlich viele Überraschungen bringen, aber die Position hier ist kalkulierbarer als die Politik, die für mich Neuland war.
Reizt Sie eine kalkulierbare Aufgabe? Oder hätten Sie lieber weiterhin mit unberechenbaren Größen zu tun gehabt?
Schon richtig, als Geograph ist man am Erkunden des Neuen immer interessiert. Aber ich bin sicher, dass auch hier viel Neues kommt und in den nächsten Jahren viel weitergehen muss, denn die Rahmenbedingungen werden nicht die einfachsten sein.
Beziehen Sie sich auf zu erwartende Kürzungen bei Forschungsgeldern? In welchen Bereichen wurden Budgetkürzungen signalisiert?
Es ist zu früh für konkrete Signale. Aber die politische Logik sagt, dass wir für die Krisenbewältigung viel Geld aufwenden müssen. Wir leben in einer unübersehbaren, krisenbehafteten Zeit und es wird für die Forschung eine schwierige finanzielle Periode werden, weil die Politik auf unmittelbare Herausforderungen reagieren muss. Es gilt daher, dafür zu kämpfen, dass für die Wissenschaft, die die Zukunft ist, genügend übrig bleibt. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass zur Krisenbewältigung auch ein gut dotiertes Forschungsbudget gehört.
Was muss die Forschungspolitik in Österreich ändern, damit wir wie angestrebt zur Top-Liga Europas zählen? Fördern wir zu viele Unternehmen für zu wenig innovative Leistung, sind Unis ineffizient in der Nutzung ihrer Mittel, oder sind die Ziele zu ambitioniert für das tatsächlich vorhandene Budget?
Wir investieren 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung. Das ist viel, aber manchmal kommt zu wenig Innovation heraus. Dass die Förderung der unternehmensnahen Forschung nicht immer zielorientiert eingesetzt und manchmal ein Mitnahme-Effekt ist, kann eine Rolle spielen. Aber auch die die Grundlagenforschung darf die Perspektive der Anwendung nicht aus dem Blick verlieren.
Welcher große Wurf wäre der dringlichste, damit wir an die Spitze kommen?
Das Zusammenspiel von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung halte ich für das Schlüsselelement eines gelingenden Forschungssystems.
Noch ein Schlüssel ist die Bildung. Warum hat keine Neuerung im Bildungssystem zur Spitze geführt?
Wenn Sie Spitze allein definiert durch Pisa meinen, muss ich sagen, wir haben hierzulande nicht dasselbe Verständnis von Bildung wie Singapur oder Südkorea. Wir wollen nicht drillen, sondern Bildung vermitteln. Bildung heißt auch, kritikfähig zu sein und nicht immer zu glauben, was der Lehrer sagt. Österreich hätte jedenfalls nicht nach einem Krieg, der es zerstört hinterlassen hat, eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte weltweit, wenn das Bildungssystem nichts leisten würde. Ein bildungspolitischer Jammerdiskurs wird der Sache nicht gerecht, unsere qualifizierten Absolventen werden weltweit genommen.
Was konkret muss man tun, um jungen Menschen die Selbstsicherheit zu geben, dass sie selbst komplexe Inhalte begreifen und darauf vertrauen können, dass das ein befriedigendes Erlebnis ist?
Kinder sind auf jeden Fall neugierig, aber man muss schauen, dass diese Neugier erhalten bleibt. Das klappt mit begeisterungsfähigen, charismatischen Lehrern. Und wir können den Prozess unterstützen, indem erfolgreiche Forscherinnen und Forscher in die Schulen kommen, um von ihrer Arbeit zu erzählen.
Reicht das aus, um gegen die in Österreich stark verbreitete Wissenschaftsskepsis vorzubauen?
Das reicht nicht, Schüler haben ja noch keine Wissenschaftsskepsis. Um der zu begegnen, braucht es mehr, als nur schulische Neugierde wach zu halten. Hier spielt der Wissenschafsjournalismus eine wesentliche Rolle.
Warum braucht man Qualität im Wissenschaftsjournalismus und worin besteht diese Qualität?
Man braucht Personen, die über Wissenschaft so berichten, dass die Inhalte gelesen und verstanden werden. Das ist für uns Forscher eine extrem wichtige Übersetzungsarbeit, denn die Medien werden von Personen, die sich sonst vielleicht nicht für Wissenschaft interessieren würden, konsumiert. Es ist jedoch nicht mit einem Lichtschalter vergleichbar. Wissenschaftliche Aufklärung ist ein langer, manchmal zäher Prozess. Wir brauchen den Kooperationspartner öffentliche Meinung und müssen zeigen, dass Wissenschaft wichtig ist für die Zukunftsgestaltung.
Was will die ÖAW beitragen?
Durch Wissenschaftsvermittlung und die Förderung von Role Models, also Personen, die in der Öffentlichkeit auftreten, ihre Entwicklungen verständlich erklären und klarmachen können, wie die Menschen einen Nutzen daraus ziehen. Die Pandemie hat gezeigt, dass solche Erklärer wichtig sind, denn ohne diese Zugpferde der Wissenschaft hätte die Politik keine Orientierung gehabt.
Diese Kommunikationsarbeit leisten Forschende unentgeltlich. Planen Sie ein Förderprogramm oder einen Preis für gute Wissenschaftskommunikation?
Sie geben uns einen Auftrag und er ist ein richtiger Ansatz. Wissenschafter, die kommunizieren wollen, also die Zugpferde, brauchen den Rückhalt der Institution. Wir überlegen etwa, verstärkt auf Medien- und Vermittlungstrainings für Forschungsinhalte zu setzen. Zugleich brauchen Wissenschafter die Gewissheit, dass nicht nur die Zahl der Publikationen, sondern auch die Kommunikation der Inhalte für die Karriere förderlich ist, etwa indem Vermittlung bei der nächsten Bewerbung eine Rolle spielt. Wir bräuchten so etwas wie einen Hirsch-Faktor für Öffentlichkeitsarbeit. (Der sogenannte h-index, vorgeschlagen vom Physiker Jorge Hirsch, ist eine Kennzahl, wie Forschende in Fachkreisen wahrgenommen werden. Er beruht auf Zitationen der Publikationen, Anm.).
Die ÖAW fördert über die Gelehrtengesellschaft akademische Disziplinen, betreibt aber auch 25 Forschungsinstitute. Es gibt Kritik am strukturellen Einfluss der Gelehrtengesellschaft auf die Fördervergabe. Stimmen Sie der Kritik zu und wenn ja, welche Änderungen möchten Sie umsetzen?
Die Akademie hat seit 2010 einen Reformprozess vollzogen mit dem Ergebnis einer klaren Trennung von Forschungsträgers und Gelehrtengesellschaft. Beide werden durch das Präsidium, das auch die wesentlichen Entscheidungen für den Forschungsträger fällt, zusammengehalten. Die Gelehrtengesellschaft befasst sich mit den Bedingungen der Wissenschaft, aber bestimmt nicht das Geschehen im Forschungsträger. Dahingehend halte ich das für ein vernünftiges Modell, auch weil wir in der Gesellschaft auf einen Thinktank von 770 Mitglieder zugreifen können. Jede andere Institution wäre froh über einen solch großen Experten-Pool.
In Ihrem Präsidium herrscht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, in der Gelehrtengesellschaft liegt der Frauenanteil aber bei nur 21 Prozent. Was tun Sie dagegen?
Diese 21 Prozent sind eine Bestandsgröße, der Anteil der gewählten weiblichen Mitglieder in den letzten fünf Jahren hat jedoch nahezu Geschlechter-Parität erreicht. Um qualifizierte Frauen in entsprechende Positionen zu bringen, muss man aber noch weiter aktives Wahlmanagement betreiben, damit sie in wählbare Listenplätze kommen. Das werden wir noch stärker in den Blickpunkt stellen.
Welche neuen Institute planen Sie?
In der jetzigen Leistungsvereinbarung, die bis Ende 2023 gilt, haben wir gemeinsam mit Grazer Universitäten ein Institut geplant, dass sich interdisziplinär mit dem Stoffwechsel im Körper befassen wird. Was weitere Aktivitäten betrifft, ist die Akademie der Ansicht, dass es Gruppen braucht, die quer durch ihre Disziplinen Wissen über bestimmte Regionen zusammenbringen. Der Fachbegriff ist „Area Studies“ und die erste führen wir zum Kaukasus durch. Das Ziel solcher Bündelung von Wissen ist auch eine Beratungsfunktion für die Gesellschaft.
Was möchten Sie für die ÖAW in den kommenden fünf Jahren erreichen?
Die Akademie muss exzellent bleiben. Auch Europa als Forschungsraum ist mir extrem wichtig. Und die Akademie soll wachsen, denn ohne disruptive neue Ideen gibt es keine tollen neuen Produkte. Bei den Mitteln für die Grundlagenforschung haben wir Defizite und ich setze mich für deren Erhöhung mit Sicherheit ein. Wenn in fünf Jahren auch einige Spin-offs entstanden sind und die Akademie auch ihre unternehmerische Seite stärkt, wäre ich nicht unglücklich. Gerade in den Lebenswissenschaften lassen sich Erkenntnisse in anwendungsorientierte Perspektiven umsetzen und diesen Prozess möchte ich fördern. Grundlagenforscher sollten die Anwendungsorientierung nicht abgeben, sondern überlegen, was sie mit ihren Erkenntnissen weiter tun können. Wissenschaft soll eine gesellschaftliche Wirkung entfalten.

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