Zur Zwangsräumung 1938ff im Waldviertel – Als Großmutter den Hof verlor

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Etwa 7000 Menschen verloren ihre Heimat, als Hitler 1938 die Räumung eines knapp 200km² großen Gebietes in Niederösterreich befahl: Im Waldviertel entstand der Truppenübungsplatz (TÜPL) Döllersheim, heute Allentsteig genannt. Dazu erschien im Februar eine Zusammenstellung von Gemeine-Recherchen. Hier folgen einige Nachträge.

„Mir ist ein Herr bekannt, der nun über 90 und gesundheitlich schwer angeschlagen zu dieser bedauernswerten Gruppe“ der Umgesiedelten zählt, berichtete DI Wolfgang Riemer. Im Alter von etwa acht Jahren mussten der Erwähnte und seine Familie „den Heimatort Dietreichs, zwischen Allentsteig und Döllersheim, verlassen. Als Entschädigung wurde ihnen in Mostbach (ca. 25km nördlich von Dietreichs, Anm.), abseits zwischen Groß-Siegharts und Raabs eine Kate zugeteilt. Während die Eltern das karge Feld bearbeiteten, kochte er für die Geschwister, was dazu führte, dass seine Waldviertler Knödel mit Schweinsbraten einen nirgendwo sonst erreichten Genuss bereiteten. Den bescheidenen Bildungsmöglichkeiten zum Trotz landete er als ausgelernter Schlosser bei einem namhaften Wiener Gitter- und Zaunerzeuger als technische rechte Hand der Geschäftsführung.“

Ganz Gallien?
Interessante Nachträge lieferte auch MinR DI Wolfgang K. Mattes, Pulkau, der u.a. auf den Fall Franzen hinwies. An der „Bauernschläue der dortigen Bäuer-innen“ scheiterten die Machthaber. Der Ort „zwischen Zwettler Bundesstraße und dem Kamp“, konnte nicht vollständig abgesiedelt werden. Zu der Zeit, als das Dorf geräumt werden sollte, hatte „schon der Polen-Feldzug begonnen, die Männer waren an der Front, die Bäuerinnen, wie damals üblich, nicht am Grundbesitz „angeschrieben“, konnten die Kaufverträge nicht unterschreiben, weil sie ja nicht die Eigentümer waren.“ Und: „“enteignet“ wurde interessanterweise nicht.“ Franzen blieb also teilweise bewohnt, im Gegensatz zu der „genau vis-a-vis jenseits der Zwettler Bundesstraße liegenden (ehemaligen) Ortschaft Schwarzenreith“.
Geschichtsfreund MinR DI Mattes erinnert auch daran, dass das Vorgehen in den jeweiligen Phasen der Absiedlung unterschiedlich war. Anfangs gab es „die Idee der Ersatzhöfe in der Nähe, oder Ablöse, danach nur mehr finanzielle Ablöse mit der Auflage, sich nicht im Waldviertel ankaufen zu dürfen“, um „steigende Grundpreise“ zu vermeiden. „Nur die letzte Tranche hat das Geld auf ein Sperrkonto bekommen, das letztlich „umgefallen“ ist.“

Vom Wegmüssen
Spurensucherin Adelheid Hlawacek, Baden, verfasste für die Zeitreisen einen längeren, sehr persönlichen Beitrag zur Absiedlung ihrer Vorfahren aus Edelbach, einige Kilometer östlich von Allentsteig. Er folgt im Wortlaut, etwas gekürzt:
Die „Vertreibung“ – und als solche empfanden es wohl viele der Aussiedler – kann ich nur aus der Sicht meines Vaters und seiner sechs Geschwister wiedergeben. Die Auswirkungen bekamen meine fünf Geschwister und ich aber am eigenen Leib zu spüren. Wir wurden alle zwischen 1940 und 1950 auf dem Ersatzhof im Tullnerfeld geboren.
Beim Start der Aussiedelung waren vier Geschwister meines Vaters bereits verheiratet und lebten in Wien. Sein jüngerer Bruder, der eigentlich für die Hofübernahme vorgesehen war, heiratete zwei Monate nach der Ankündigung im April 1938 und erwarb eine kleine Landwirtschaft auf Leibrente in der Nähe von St. Pölten. Lediglich eine unverheiratete ältere Schwester und meine seit Jahren verwitwete Großmutter lebten und arbeiteten noch auf dem Hof.
Eine andere Schwester meines Vaters war im Bezirk Zwettl verheiratet. Die Huf- und Wagenschmiede ihres Mannes mit der dazugehörigen kleinen Landwirtschaft spielte eine wichtige Rolle im weiteren Verlauf, v.a. für meine Geschwister und mich. Sie diente vorerst als provisorische Unterkunft für die Tiere und die landwirtschaftlichen Geräte, die von der „alten Heimat“ mitgenommen werden konnten. Sie bot aber auch eine vorläufige Bleibe für meine Großmutter sowie deren unverheiratete Tochter.
Der Zeitraum zwischen Ankündigung und Bekanntmachung der Räumung der ersten neun Dörfer im Frühjahr/Frühsommer 1938 betrug knapp drei Monate. Auch das Dorf, in dem meine Großmutter lebte, war dabei. Nach der Bekanntmachung blieben den Betroffenen gerade einmal 14 Tage Zeit, um ihre Höfe zu räumen, auf denen manche schon seit Generationen ansässig waren. Die Bauern mussten die Ernte auf den Feldern stehen lassen, und es war ungewiss, ob sie überhaupt eingebracht werden würde. Es gab zwar eine Entschädigung dafür, aber es traf die Menschen schwer. Da man jedoch auf den Ernteertrag nicht verzichten konnte, wurden die Bauern bald aufgefordert, bei der Ernte gegen Bezahlung – also quasi als Taglöhner – mitzuarbeiten.

Erinnerung an die alte Heimat: A. Hlawaceks Großmutter, ihre Mutter, die unverheiratete Tante, der Vater und ein Unbekannter (von links). 
– © Foto: Adelheid HlawacekEs gab einen Pauschalbetrag für die Übersiedlungskosten, der sich allerdings verringerte, wenn man nicht bis zum vorgesehenen Termin den Besitz geräumt hatte. Die Transportmittel mussten selbst organisiert werden, wobei durch das Militär nicht nur heereseigene LKW gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt wurden, auch passende Kraftwagen von Privatpersonen wurden beschlagnahmt. Die Bauern hatten im seltensten Fall selbst genügend Kapazitäten, lediglich ihre eigenen landwirtschaftlichen Fuhrwerke, die für größere Entfernungen schlecht oder gar nicht geeignet waren.

Überwuchertes Grab
Da meine Großmutter noch keinen Ersatzhof hatte und Vieh und Hausrat bei ihrer Tochter einstellen musste, wurden unter anderem Maschinen durch nicht fachgemäße Lagerung beschädigt oder zerstört. Das Vieh musste mit Verlust verkauft werden, da der vorhandene Stall nicht ausreichte. Auch Futtermittel mussten zurückgelassen werden. Beides war ein großer Verlust.
Die Suche nach einem Ersatzhof erwies sich als schwierig und voller Probleme. Schließlich gelang der Kauf einer Liegenschaft im Bezirk Tulln. Die Familie fand – meine Eltern hatten 1939 knapp nach dem Erwerb der „neuen Heimat“ geheiratet – für die Kriegszeit und weitere neun Jahre ein Zuhause.
Für meine Großmutter war es eine Verschlechterung, aber sie lebte wenigstens wieder als Bäuerin auf ihrem – wenn auch kleineren – eigenen Grund und Boden. Die ursprünglichen Besitzer hatten frühzeitig die politische Entwicklung richtig eingeschätzt. Sie verkauften im Frühjahr 1938 ihren Besitz an eine Wienerin und wanderten in die USA aus. Von der neuen Eigentümerin erwarb unser Vater als Bevollmächtigter seiner Mutter das Anwesen. Der ursprüngliche Besitzer kam nach Kriegsende als Angestellter des US-Kriegsministeriums zurück und stellte einen Antrag auf Rückstellung. Diesem Antrag wurde teilweise stattgegeben. Die Entscheidungen in diesen Verfahren waren nicht immer nachvollziehbar und meist langwierig.
Letztendlich kam es zu einer Zwangsversteigerung, in der mein Vater als Erbe seiner Mutter (sie war 1948 gestorben) den Zuschlag erhielt. Dafür musste er einen Kredit aufnehmen, da der Ertrag der Landwirtschaft – er war Nebenerwerbslandwirt – dafür nicht groß genug war. 1954 musste er den unter so schwierigen Umständen rechtmäßig erworbenen Besitz wieder verkaufen und verlor somit ein zweites Mal seine Heimat. Wir zogen in die Stadt. Der nachfolgende Besitzer verkaufte ebenfalls, und 2007 fiel unser Geburtshaus der Spitzhacke zum Opfer, ein für mich immer noch schmerzlicher Verlust.
Die kolportierten Berichte, die Aussiedler hätten ein gutes Geschäft mit dem Verkauf gemacht, entsprechen schlicht und einfach nicht den Tatsachen. Ihre Höfe wurden behördlich geschätzt, und die Verkäufer hatten keinerlei Einfluss bei für sie ungünstiger Schätzung.
Sobald es wieder erlaubt war, als Zivilperson den Truppenübungsplatz zu betreten (nach 1955), fuhren wir im Sommer in das verlassene, aber teilweise noch bestehende Heimatdorf meines Vaters und suchten am wild überwucherten und zum Teil zerstörten Friedhof das Familiengrab. Es wurde gepflegt, solange der Friedhof und die Kirchenruine durch das Militär nicht vollständig zerstört wurden. Sie blieb übrigens nur deshalb relativ lange verschont, da der Kirchturm ein Fixpunkt für das Einrichten der Zielgeraden bei Schießübungen war. Heute ist nichts mehr zu erkennen.
Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner

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